Varian Fry

Der Gedanke zum Tage resultiert aus dem Geburtstagsanruf meiner Schwester. Sie empfahl mir zwei Bücher von Uwe Wittstock, „Februar 1933“ und „Marseille 1940„. Ich schrieb hier schon über ein Buch, welches sie mir vor (aua!) 39 Jahren schenkte und mir damals einen ganzen Kosmos erschloss.

Varian Frey war ein, heute sowohl in Amerika wie Frankreich nahezu völlig in Vergessenheit geratener, amerikanischer Journalist, der in einer von Verzweiflung und Angst unter den Flüchtlingen aus ganz Europa geprägten Zeit in Marseille mit dem Auftrag einer amerikanischen Hilfsorganisation eintraf, namhaften europäischen Intellektuellen, Künstlern, Schriftstellern usw. die Flucht und Ausreise in den Staaten zu ermöglichen.

https://www.swr.de/swrkultur/wissen/wie-varian-fry-juedische-intellektuelle-und-kuenstler-rettete-100.html

WIe es sich doch ähnelt. Ein Thomas Mann kehrte gar nicht erst zurück aus Amerika zurück (erst 1949 betrat er wieder deutschen Boden), seinem Bruder Heinrich gelang dank Fry 1940 die abenteuerliche Flucht über die Pyrenäen und die anschließende Schiffspasssage von Portugal bis nach Kalifornien. Fry hatte eine Liste der zu Rettenden bei sich und sah sich kurz nach Ankunft mit Tausenden konfrontiert, deren letzter Hoffnungsschimmer er angesichts der Häscher von Vichy und Gestapo war. Viele waren zwischenzeitlich in Internierungslagern Südfrankreichs gelandet wie Lion Feuchtwanger. Schon 1941 wurde er abgeschoben in die USA und hat bis an sein Lebensende 1967 keinerlei Anerkennung gefunden. Seine Bitten um Unterstützung beim Versuch, eine eigene Hilfsorganisation zu gründen und noch mehr Menschen zu retten, fanden nicht einmal bei den zuvor geretteten Emmigranten Gehör. Seine Motivation zog er aus einem Aufenthalt 1935 in Deutschland, als er die Auswüchse der nationalsozialistischen Verfolgung hautnah miterlebte.

Der amerikanischen Regierung, die nur selektiv Notvisa für „Prominente“ ausstellte, war Fry´s Treiben auch suspekt. Ihm wurde vorgeworfen, massgeblich linke jüdische Intellektuelle zu retten. Werfel, Feuchtwanger, Chagall, .. – ohne Fry hätte die USA sie gar nicht ins Land gelassen.

Warum beschäftigen mich Dinge, die fast ein Jahrhundert zurückliegen?

Weil die Mechanismen heute genauso sind. Ohne Hilfe und Verbündete hätte ich es auch nicht geschafft. Wenn man zweimal mit der Heuchelei, Doppelmoral und deutschen Bürokratie gekämpft hat, weiß man ungefähr, was das mit Einem im Fall der Fälle macht. Ganze 4 Tage vor Schließung des Zeitfensters konnte ich aufatmen, nur weil sich Bürokraten in Berlin eine neue Visaauflage ausgedacht hatten. Wenn ich dann noch lese, dass man russischen Staatsbürgern, die im Krieg waren, gar keine Einreise mehr erlauben will, kommt mir das kalte Gruseln. Die Sicherheitsbedenken hätte man mal auch bei den muslimischen Massen haben sollen, die gebetsmühlenartig Respekt fordern und sich einen feuchten Kehricht um selbigen kümmern. In Berliner öffentlichen Einrichtungen wird der Belegschaft verkündet, dass der Weihnachtsbaum oder Osterschmuck aus Geld- und Neutralitätsgründen nicht mehr en vogue ist und gleichzeitig werden die Teppiche der Betenden mit Tagesfreizeit im Lesesaal geduldet bzw. grosszügig übersehen. Ist mir langsam wirklich egal, als alter weißer Mann stigmatisiert zu werden. Ich wünschte mir nur, dass Geschichte heutzutage noch vermittelt würde. Es gab wirklich alles schon mal und Jeder sollte sich die Frage stellen „Cui bono?“. Die Antworten findet man immer, so man denn will.